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Interview mit Dr. med. Michel Conti

«Bei Operationen habe ich nur einen einzigen Versuch – und der muss sitzen»

Dr. med. Michel Conti ist seit rund einem Jahr Chefarzt für Chirurgie am Spital Oberengadin. Wir haben mit ihm über die tägliche Arbeit in der Klinik Chirurgie gesprochen und wie er sich auf eine Operation vorbereitet.

Herr Dr. Conti, was zeichnet die Klinik Chirurgie aus?

Das Spital Oberengadin bietet ein breites chirur­gisches Spektrum an. Gerade als Chirurg kann man hier viel machen und seine Ausbildung voll ausleben.

Wie sieht ein typischer Tagesablauf aus?

Mein Tag beginnt mit einem halbstündigen Rapport um 07:30 Uhr, gefolgt von der Visite auf der Intensivstation. Danach starten die Opera­tionen. Wie lange ich operiere, ist von Tag zu Tag unterschiedlich. Rund 60% der Operationen sind Notfalleingriffe. Nebst den Operationen konsul­tieren wir Patienten in der Sprechstunde. An vier Tagen in der Woche behandeln bzw. visitieren wir auch Patienten in unserem zertifizierten Wund­­ambulatorium. Um 16 Uhr planen wir beim OP-Rapport zusammen mit dem Anästhesisten und dem OP-Manager den nächsten Operationstag. Danach folgt der zweite chirurgische Rapport, wo über die Bettenstationen, den Notfall und über die Neueintritte berichtet wird. Nach diesem Rapport werden die frisch operierten Patienten oder die Neueintritte visitiert. Am frühen Abend widme ich mich der Administration – was übrigens nicht wenig ist. Was danach kommt, ist ungewiss. Tritt ein Notfall ein, bleibe ich bis spät in die Nacht im Operationssaal. Ein Arbeitstag endet nie vor 21 Uhr.

Wie bereiten Sie sich auf eine OP vor?

Ganz unterschiedlich. Bei einem Routineeingriff blicke ich kurz in die Krankengeschichte des Patienten. Bei komplexen Brüchen hingegen studiere ich die Röntgenbilder sehr genau. In ganz speziellen Fällen zeichne ich die Frakturfragmente auf einem Plastikknochen nach. Damit lerne ich die Fraktur auswendig und weiss präoperativ schon ganz genau, welchen Zugang ich wähle, von wo ich beginne, welches Material ich dafür benötigte und wie es positioniert werden muss. Oder in anderen Worten: Das ist wie bei einem Bergsteiger, der die Route vorher auswählt und genau weiss, wo welche Griffe gemacht werden müssen bzw. wo er einen Griff findet. Denn nicht selten ist es so, dass man während der Operation nur einen einzigen Versuch hat – und der muss sitzen.

Herrscht deswegen ein gewisser Druck bei den Chirurgen?

Das stimmt. Ab und zu frage ich mich, warum ich mich solchen «Risiken» aussetze. Falls etwas bei einer OP schiefgeht, können langwierige, recht­liche Verfahren die Folge sein. Klar, meine Erfahrung kommt mir zugute. Aber die möglichen Folgen schwingen immer im Hinterkopf mit.

Muss ein Arzt eine gewisse Angst haben, damit er nicht zu risikobereit wird oder beeinflusst Angst eher negativ?

Jeder Arzt muss seine Grenze kennen. Angst ist fehl am Platz und behindert nur die Reaktionsfähigkeit und das rationale Denken. Aber jeder Eingriff verlangt Respekt. Man muss für jedes Problem schnell eine Lösung finden – und für Eventua­li­täten gewappnet sein.

Apropos Eventualitäten: Haben Sie schon Extremsituationen während einer Operation erlebt?

Zum Glück waren diese sehr selten, wobei es sich dabei immer um schwere Notfälle gehandelt hat. Aber es kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Wie man in solchen Situationen handelt, hängt vor allem von der Erfahrung und dem Können des jeweiligen Chirurgen ab. Ein Chirurg muss genau wissen, was er kann. Denn er trägt immer die volle Verantwortung bei einer Opera­tion. Ansonsten begeht er ein Übernahme­verschulden.

In TV-Serien ist manchmal zu sehen, wie Ärzte vor einer Operation jeden einzelnen Handgriff üben. Die nähen beispielsweise Schnitzel oder Bananen, um Nähte zu üben. Ist das tatsächlich so?

Nein, das entspricht nicht der Realität. Ein Chirurg muss das Nähen und Knoten im Schlaf beherrschen. Assistenzärzte, die bei gewissen Eingriffen assistieren, müssen dies in ihrer Freizeit üben und nicht direkt vor bzw. während dem Eingriff.

Was für Fälle landen auf Ihrem Operationstisch?

In den Wintermonaten haben wir es vor allem mit Schneesportunfällen zu tun. Zu Beginn dieser Wintersaison hatten wir viele Schlittschuhläufer, die auf dem Schwarzeis gestürzt sind und sich dabei Brüche und Muskel-/Sehnenausrisse zugezogen haben. Sobald der erste Schnee taut, häufen sich Motorrad- und Fahrradunfälle. Im Sommer behandeln wir Wanderer, Bergsteiger und Mountain­biker. Neben Becken- und Wirbelsäulenfrakturen decken wir die ganze Traumatologie des Bewegungsapparates ab. Wir führen aber auch Operationen des Brust- und Bauchraumes aus. Ebenso bieten wir gewisse urologische, plastische und kinderchirurgische Eingriffe an.

Was zeichnet für Sie einen guten Chirurgen aus?

Drei Sachen: Empathie für den Patienten, breite Erfahrung/Wissen und sehr gute manuelle Fertigkeiten.

Was würden Ihre Assistenzärzte über Sie sagen?

Ich werde als strenge Person angesehen. Ich erwarte von meinen Mitarbeitern Perfektion, Engagement, Interesse und Loyalität. Ich bekleide einen Posten, der sehr viel Verantwortung gegenüber den Patienten, dem Personal und der Klinik abverlangt. Deshalb muss ich mich auf meine Mitarbeiter verlassen können, denn ich kann nur dann gut sein, wenn sie es auch sind. Was früher als selbstverständlich angesehen wurde, gilt heute als streng (schmunzelt).

Zum Schluss – Was ist Ihre Meinung zur Roboterchirurgie?

Die Roboterchirurgie steckt noch in den Kinderschuhen. Zurzeit ist dies noch kein Thema am Spital Oberengadin. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt.

 

Dieser Beitrag ist erstmals im Geschäftsbericht 2016 erschienen. 

Dr. med. Michel Conti

Dr. med. Michel Conti ist Chefarzt der Klinik Chirurgie des Spitals Oberengadins. Er ist im Engadin aufgewachsen und studierte in Basel Humanmedizin, wo er 1989 sein Staatsexamen ablegte. Seine Assistenzarztzeit verbrachte er unter anderem im Bezirksspital Zofingen als auch im Kantonsspital Aarau. Anschliessend war er als erster Oberarzt im Ospedale Civico in Lugano beschäftigt. 1999 erlangte er den Facharzttitel FMH für Chirurgie und 2005 die Schwerpunkttitel in «Allgemein- und Unfallchirurgie» sowie «Viszeralchirurgie». Seit 2006 ist Dr. Conti im Spital Samedan als Leitender Arzt Chirurgie tätig, ab April 2016 in der Position als Chefarzt. Er ist Mitglied in der Schweizerischen Gesellschaft für Chirurgie und der Schweizerischen Gesellschaft für Traumatologie und Versicherungs­medizin. Dr. Conti spricht Deutsch, Italienisch, Englisch und Französisch.

10 Fakten

  • Liest hauptsächlich Fachliteratur. In den Ferien darf es auch mal ein Krimi sein.
  • Laden Sie ihn nicht auf einen Kaffee ein. Aber eine gute Tasse Tee geht immer.
  • Hört gerne Reggae, Jazz und seine Lieblingsband: Pink Floyd.
  • Hat aufgehört mit Skifahren, nachdem er gesehen hat, welche Verletzungen man sich dabei zuziehen kann.
  • Fiebert für den HCD und den HC Lugano mit.
  • Beim Fussball schlägt sein Herz für den FC Liverpool.
  • Ist begeistert von Sizilien.
  • Die nötige Energie für zwischendurch liefert ihm ein Red Bull.
  • Träumt von einer Reise nach Skandinavien.
  • Ist verheiratet und hat zwei Söhne.