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Interview mit Dr. med. Jens Fischer

«Der Spagat zwischen hochtechnisierter Gerätemedizin und den Menschen fasziniert mich»

Dr. med. Jens Fischer ist Chefarzt der Radiologie im Spital Oberengadin. Er lässt die letzten Jahre Revue passieren und verrät, wie die Digitalisierung sein Leben erleichtert hat.

Herr Dr. Fischer, Sie sind seit 8 Jahren Chefarzt der Radiologie. Was ziehen Sie für ein Fazit?

Ein Highlight der letzten Jahre ist für mich das ­Thema Strahlenschutz. Denn das Spital Ober­engadin nimmt dabei bei Computertomografien (CT) schweizweit eine Vorreiterrolle ein. Bei unseren ­Untersuchungen konnten wir über die Jahre die Strahlenbelastung für die Patienten drastisch reduzieren – und trotzdem eine sehr gute diagnostische Bildqualität erreichen. Damit haben wir ein grosses Echo ausgelöst, was vor fünf Jahren sogar mit einer Auszeichnung honoriert wurde.

Eine Auszeichnung?

Unser Radiologie-Team hat 2012 den ersten Preis beim Swiss Quality Award in der Kategorie Patientensicherheit gewonnen. Das ist zwar schon eine Weile her, aber wir haben seitdem unsere Strahlenschutz-Bemühungen bei CT-Untersuchungen stetig verfeinert.

Wie konnten Sie die Strahlung bei Untersuchungen mindern?

Dank dem Einsatz von sehr modernen Geräten. ­Unser CT bietet die Möglichkeit einer iterativen ­Rekonstruktion. Damit können wir auch mit einer deutlich niedrigeren Strahlendosis qualitativ gute Bilder erstellen. In der Radiologie sind wir immer im Zwiespalt: Die Ärzte fordern eine möglichst hohe Bildqualität, die Patienten, das BAG und die Öffentlichkeit hingegen eine möglichst strahlen­arme ­Untersuchung.

Apropos Strahlung: Spüren Patienten während einer Untersuchung etwas davon?

Nein. Das ist eben das Tückische dabei. Wir sprechen aber in der Radiologie von einer sehr niedrigen Strahlendosis. Lediglich Patienten, bei denen in regelmässigen Abständen eine CT-­Untersuchung erforderlich ist, haben ein erhöhtes Risiko für Spätfolgen. Übrigens gut zu wissen: Im Engadin sind wir wegen der Höhenlage täglich einer höheren Dosis kosmischer Strahlung ausgesetzt als im Unterland.

Decken Sie im Spital Oberengadin die gesamte Palette der Radiologie ab?

Wir bieten praktisch die ganze diagnostische Radiologie an. Es gibt nur vereinzelt kleine, spezielle Fachgebiete, die wir aufgrund unserer Grösse nicht ­ab­decken. Bei solchen Fragen verweisen wir auf fachspezifische Ärzte im Unterland, die sich darauf spezialisiert haben. Das ist aber nur bei sehr wenigen Untersuchungen erforderlich.

Was kann das Spital Oberengadin Ihrer Meinung nach am besten?

Wir sind sehr routiniert in der Traumatologie. In diesem Bereich haben wir wegen der Häufigkeit an Sportverletzungen in der Ferienregion Engadin St. Moritz die meiste Expertise.

Ausblick: Was erwarten Sie 2017 in der Radiologie?

Seit Oktober 2016 haben wir eine Kooperation mit dem Spital Schiers und in diesem Rahmen die ­Radiologie-Dienstleistungen für ein weiteres Spital übernommen. Dadurch konnten wir unsere Abteilung mit einem zusätzlichen Radiologen verstärken. Seit dem letzten August sind wir nun drei Radiologen mit insgesamt 280 Stellenprozenten. Damit versorgen wir neben dem Spital Ober­engadin nun insgesamt drei weitere Spitäler in Poschiavo, Scuol und Schiers. Unser Ziel fürs nächste Jahr ist, die technischen Voraussetzungen in Schiers zu verbessern, um dort eine bessere teleradiologische Dienstleistung anbieten zu können.

Wie viele Patienten gehen pro Jahr durch Ihre Abteilung?

2016 hatten wir rund 16'000 Untersuchungen. In den letzten Jahren haben die konventionellen Röntgen­untersuchungen etwas abgenommen. Der Trend zeigt zu MRT- und CT-Untersuchungen.

Wie erklären Sie sich diesen Wechsel?

Einerseits sind die CT-Untersuchungen nicht mehr so strahlenbelastend wie früher, so dass hier die ­Indikationsstellung etwas leichter fällt. Andererseits sind die Zuweiser immer perfektionistischer und ­geben sich nicht mehr nur mit konventionellen Röntgenbildern zufrieden. Der Trend geht in Richtung primäre Schnittbild-Diagnostik, die ältere ­Methoden verdrängt. In der MRT können heut­­­zu­tage viel mehr Organsysteme untersucht werden als beispielsweise noch vor 10 Jahren.

Stellen Sie Unterschiede zwischen Engadiner Patienten und denjenigen in einer Stadt fest?

Ich finde die Anspruchshaltung der Patienten und Zuweiser im Engadin ist sehr hoch. Wenn wir Zuweisungen von Hausärzten bekommen, erwartet der Patient häufig, dass die Untersuchungen, auf die man in städtischen Regionen mehrere Tage oder gar Wochen wartet, entweder am gleichen oder am darauffolgenden Tag stattfinden.

Ganz allgemein, was sind die Trends in der Radiologie?

Ein wichtiger Trend ist auf jeden Fall der Strahlenschutz. Dieser wurde in den vergangenen Jahren eher vernachlässigt. Wir merken das immer mehr, da sowohl von der öffentlichen Seite zunehmend darauf geachtet wird, als auch vom BAG Vorschriften zur Überwachung und Regulierung des Strahlenschutzes erlassen werden. Ein weiterer Trend ist die zunehmende Digitalisierung unserer Gesellschaft. Die Radiologie als sehr technische und von den Entwicklungen der IT sehr abhängige medizi­nische Disziplin, fungiert hier mehr denn je als Vorreiter in der Medizin und dem Spitalwesen.

Was fasziniert Sie an der Radiologie?

Die Kombination vom menschlichen Organismus und dieser starken technischen Seite, die versucht, Krankheiten bildgebend zu erfassen und zu diagnostizieren – das hat mich immer schon fasziniert. Ich bin begeistert, was für Fortschritte wir in der Bildgebung und Diagnostik dank der technischen Entwicklung und der Digitalisierung erreicht haben.

Sie haben die Digitalisierung angesprochen, verschwindet in den Büros der Radiologen ebenfalls immer mehr Papier?

Absolut. In meiner Assistenzarzt-Zeit bin ich noch vor grossen Alternatoren gestanden, wo die Röntgen­assistenten Bilder, Filme und Folien aufgehängt ­haben. Heute in einer modernen Radiologie ist alles digital. Die Radiologie des Spitals Oberengadin ist übrigens eines der ersten Institute schweizweit gewesen, das völlig digitalisiert wurde. Ein weiterer Vorteil der Digitalisierung: Wir arbeiten mit Sprach­erkennung. Wir können unsere Diktate direkt kontrollieren und elektronisch visieren. Dadurch sind wir viel schneller als früher. Die Berichte senden wir dann per E-Mail an die Hausärzte. Die Digitalisierung hat unser tägliches Arbeiten erleichtert.

Gibt es in Ihrer Abteilung saisonale Schwankungen?

Wir spüren die Hauptsaison – dann häufen sich Sportverletzungen. Dadurch, dass wir für Haus­ärzte, Kliniker und mittlerweile drei weitere Spitäler da sind, haben wir das ganze Jahr über eine relativ gute Auslastung. Jeweils im Mai ist es bei uns ­etwas ruhiger. Diese Zeit überbrücken wir zum Teil mit anderen Unter­suchungen. 

Das wäre?

Wir behandeln häufig chronische Schmerz­patienten. Wir machen beispielsweise fast täglich Schmerzinfiltrationen an der Wirbelsäule. Ebenfalls haben wir viele onkologische Patienten. Darunter sind ­Patienten, die in regelmässigen Abständen kontrolliert werden müssen. Kurz: Es sind nicht nur die Sportunfälle, die unsere Arbeit ausmachen.

Zum Schluss – Erzählen Sie uns eine Anekdote aus Ihrem Alltag.

Eines Morgens kam ich zur Arbeit in die Magnet­resonanztomographie (MRT) und fand mein Team aufgeregt und etwas ratlos vor: Eine Putzfrau hatte am Morgen gereinigt und irrtümlicherweise einen magnetischen Wäschekorb mit in den Raum genommen, den es dann mit grosser Kraft ins Gerät gezogen hatte. Zum Glück war zu dieser Zeit niemand im Raum und es wurde niemand verletzt. Die Putzfrau kam mit einem Schrecken davon. Es dauerte ungefähr eine Stunde bis wir zusammen mit dem technischen Dienst und sechs kräftigen Männern den Gegenstand wieder aus dem Gerät entfernt hatten.

 

Dieser Beitrag ist erstmals im Geschäftsbericht 2016 erschienen. 

Dr. med. Jens Fischer

Dr. med. Jens Fischer (1967) wurde in Konstanz (D) geboren. In den Jahren 1984 und 1985 besuchte er die High-School in North Carolina (USA). Dr. Fischer absolvierte sein Studium in Humanmedizin von 1989 bis 1995 an der Universität Tübingen (D). Während seiner Assistenzzeit und Oberarztzeit arbeitete er in den Kantonspitälern Olten, Luzern sowie dem Kinderspital beider Basel (UKBB). Von 2003 bis 2008 war er im Spital Lachen als Leitender Arzt tätig. Seit acht Jahren ist Herr Fischer Chefarzt der Radiologie im Spital Oberengadin. 

10 Fakten

  • Reist gerne.
  • In seiner Jugend und Studienzeit war er aktiver Kunstturner.
  • Er liebt Sport und bei schönem Wetter und Neuschnee findet man ihn auf der Piste.
  • Sein letzter Urlaub führte nach Mauritius.
  • Er ist verheiratet und hat zwei Töchter im Alter von 6 und 9 Jahren.
  • Eine vierwöchige Radtour quer durch Kuba ist ihm in bester Erinnerung.
  • Er spricht Deutsch, Englisch, Französisch und lernt zurzeit Italienisch.
  • Fährt einen hybriden Lexus.
  • Er ist leidenschaftlicher Kitesurfer.
  • Unternimmt in seiner Freizeit viel mit seiner Familie.